Die zweite wichtige Methode der Phänomenologie
ist die eidetische Methode, d.h. die sogenannte Wesensschau. Gerade diese
Bezeichnung liess viele Philosophen irriger Weise vermuten, dass Husserl
eine Art Platonimus vertritt. Die eidetische Methode greift jedoch nur eine
alltägliche Erkenntnisfähigkeit des Menschen auf und versucht diese methodisch
zu verfeinern. Anders als bei Platon wird das Allgemeine jedoch nicht zu
einem eigenen Existenzbereich hypostasiert, sondern lediglich als ein Gegenstand
der Erkenntnis präzisiert. Wir sind in der Lage, Gleichheit und gleichartige
Aspekte bei verschiedenen Gegenständen des täglichen Lebens zu erfassen,
d.h. zu bemerken, dass diese Stühle, Bäume oder Menschen dort irgendwie
gleich aussehen. Auf der Grundlage dieser natürlichen Fähigkeit wird dann
das Verfahren als eidetische Methode im Sinne bewusst verfolgter Methodenstrenge
genauer bestimmt als das aktive und vergegenständlichende Aufnehmen des
überall Gemeinsamen.
Die eidetische Methode erreicht 1925 in der Vorlesung über Phänomenologische Psychologie ihre endgültige Gestalt. Sie heisst
dann eidetische Variation. Der zentrale Punkt der eidetischen
Variation ist die unbegrenzte Erzeugung von Phantasievariationen, die als
das unentbehrliche Element der Methode herausgearbeitet wird. Ausgangspunkt
der Methode ist ein anschaulich gegebenes konkretes Beispiel, d.h. ein Gegenstand,
der in der Folge auch als leitendes Vorbild fungiert. Von ihm ausgehend
erzeugen wir unbegrenzt viele mögliche Phantasievarianten dieses Exempels.
Jede dieser Varianten ist darüberhinaus mit der Meinung verbunden: Und
so weiter!, Ich kann und ich werde immer weiter variieren. Obgleich
diese Variation de facto immer nur endlich viele Varianten erzeugen kann, ist es doch
dieses und so weiter das eine Begrenzung auf ein zufällig umgrenztes
mundanes Gebiet verhindert.
In der Durchsicht aller dieser möglichen Varianten zeigt sich
dann ein invariantes, identisch durchlaufendes Sinnelement. Es zeig sich
dabei im Sinne einer Deckungssynthesis von Teilintentionen dieser Varianten. Husserl hatte dazu in seiner Theorie
der kategorialen Anschauung aufgewiesen, dass diese Deckungssynthesen eine
Form der Anschaulichkeit darstellen. (2) Wegen der sorgfältigen Ausrichtung auf unbegrenzte Variation kann man sicher
sein, dass das gefundene, gemeinsame Sinnelement auch in allen weiteren
Fällen vorhanden sein wird.
Mit diesem Erkenntnisanspruch, nämlich dass mit Hilfe der eidetischen
Methode nicht nur Fakten, sondern auch notwendig vorkommende Sinnelemente an allen Einzelgegenständen einer bestimten Art von Gegenständen bestimmt werden
können, grenzt sich Husserl von der empirischen Psychologie ab. Es ist der spezifisch phänomenologische Begriff von apriori, der hiermit bestimmt wird. Empirische
Wissenschaft formuliert ihre Ergebnisse auch in Allsätzen, die jedoch auf
der immer beschränkten Erhebung von faktischen Daten beruhen, die dann mit
Hilfe der Induktion verallgemeinert werden.
Bei aller richtigen und gut begründeten Abgrenzung der eidetischen
Methode von der induktiven Methode ist doch mit der Bestimmung des phänomenologischen
Apriori zugleich eine Bewegung auf die empirischen Wissenschaften hin getan:
Es ist der Anspruch, eine Struktur festzuhalten, die bei allen
empirischen und allen weiter möglichen Fällen gleich ist. Dieser
Anspruch auf die Bestimmung aller Fälle bildet daher eine Brücke
zwischen der empirischen Naturwissenschaft und der Phänomenologie. Das heisst:
Beide Erkenntnisansprüche sind sinnverschieden, aber es gibt Abhängigkeits-Beziehungen
zwischen beiden. So darf z.B. eine eidetische Einsicht nicht der empirischen
Erkenntnis widerstreiten, umgekehrt können eidetische Einsichten die empirische
Forschung auf neue Wege bringen. Husserls auf den ersten Blick vielleicht
etwas altmodisch - oder sogar platonisch - anmutende eidetische Methode
erweist sich auf diese Weise hinsichtlich einer möglichen Kooperation mit
empirischen Wissenschaften als einer der grössten Vorzüge der Phänomenologie.
3. Das Bewusstsein im Blick der Cognitive
Science - auf dem Weg zur einer naturalisierten Phänomenologie?
Eine Aufklärung der Leistungen des Bewußtseins wollen in den letzten
Jahrzehnten auch immer mehr die Neurowissenschaften, die Cognitive Neuroscience
und auch andere Naturwissenschaften. Die Neurowissenschaften untersuchen
nicht mehr nur das Gehirn als Organ, sondern versuchen zunehmend auch den
eigentümlichen geistigen Leistungen dieses Organs näherzukommen.
Auf diese Weise gerät das Bewußtsein und seine Inhalte in den Kreis der
Themen der empirischen Naturwissenschaften.
Auf diesem Hintergrund ist das Projekt einer naturalisierten
Phänomenologie zu verstehen. Es handelt sich dabei um den Versuch
von Phänomenologen, die Kooperation mit den Neurowissenschaften, der empirischen
Psychologie und den Cognitive Science zu suchen. Viele Einzelforschungen
bemühen sich seit langem, die Verbindung zwischen der phänomenologischen
Untersuchung des Bewusstseins aus der Innenperspektive und der Untersuchung
aus der Außenperspektive der Naturwissenschaften greifbar zu machen. Eine
der deutlich sichtbaren Meilensteine dieser Entwicklung ist der 1999 erschienene
Band von Jean Petitot mit dem Titel Naturalizing Phenomenology
und die Gründung der Zeitschrift Phenomenology and Cognitive Science,
durch Shaun Gallagher und Natalie Depraz.
Die Bezeichung dieser Tendenz als Naturalisierung der Phänomenologie
und die hier vorgeschlagene Bezeichnung einer naturalisierten Phänomenologie
weckt allerdings Ängste vor einer damit verbundenen Naturalisierung des
Gegenstandes der phänomenologischen Untersuchungen, nämlich Bedenken vor
einer Naturalisierung des Bewusstseins und seiner Inhalte. Eine solche Naturalisierung
hatte schon Husserl kämpferisch als einen gravierenden Fehler herausgestellt.
Eine Naturalisierung des Bewusstseins ist aber in der sogenannten Naturalisierung
der Phänomenologie nicht beabsichtigt. Es geht lediglich darum, eine
engere Verbindung und Verschränkung der methodisch ganz unterschiedlichen
Analysen von Cognitive Neuroscience, empririscher Psychologie und Phänomenologie
zu fördern.
Allgemein wurde und wird die Einbeziehung empirischer Ergebnisse
in die Philosophie schon seit Aristoteles Zeiten von vielen Seiten
immer wieder und in verschiedener Weise gefordert. In der heutigen Situation
heisst dies: Philosophen sollten heute nicht mehr eine Theorie des Geistes
entwerfen, ohne die relevanten empirisch-pschologischen und naturwissenschaftlichen
Forschungen zu berücksichtigen.
So propagieren z.B. George Lakoff und Mark Johnson eine neue empirisch
verantwortungsvolle Philosophie, die auf einem kognitionswissenschaftlichen
Verständnis des kognitiven Unbewussten gründet und den Bereich präreflektiver
Kognition umfaßt. Sie sehen in Merleau-Ponty und John Dewey Vorbilder dieser
Weise philosophischen Denkens und halten eine gegenseitige Befruchtung zwischen
Philosophie und Kognitionswissenschaften für möglich und sinnvoll. (3)
Wo sind aber die Grenzen der Zusammenarbeit bei den methodisch so
unterschiedlichen Wissenschaften wie Neurologie und ihrer kognitivistischen
Interpretation auf der einen und Phänomenologie auf der anderen Seite? Worin
liegt der mögliche Nutzen einer solchen Zusammenarbeit? Auch auf diese Fragen
gibt es verschiedene Antworten.
Shaun Gallagher sieht gute Aussichten für eine gegenseitige Befruchtung
und Aufklärung (mutual enlightment) von Phänomenologie und Cognitive Science.
(4) Da die Aufklärung von Bewußtseinsleistungen
in der empirischen Psychologie, der Neurologie und der Cognitive Science
schon weit fortgeschritten ist, kann sie auch eine kritische Funktion für
phänomenologische Analysen erhalten. Denn: Wenn es empirische Befunde gibt,
die den eidetischen Einsichten widerstreiten, dann muss sich eidetische
Analyse dieser Kritik stellen und gegebenenfalls auch die eigenen Fehler
und Beschränkungen einräumen.
Umgekehrt kann die Phänomenologie die Interpretation von empirischen
Ergebnissen der Neurowissenschaften leisten, denn sie geht von einem genuinen
Einblick in die Innenperspektive des Erlebens aus, d.h. sie hat bereits
den Sinn der Erlebnisse erfahren. Es scheint auch durchaus möglich, dass
phänomenologische Einsichten neue Anregungen für die experimentelle Forschung
geben können. Insofern bietet sich hier eine Kooperation zum gegenseitigen
Nutzen an.
Man könnte sagen, dass zwei Wissenschaften, die den gleichen Gegenstand
haben, d.h. das Bewusstsein, irgendwie immer zum gegenseitigen Nutzen zusammenarbeiten
können. Doch hier ist Vorsicht geboten. Schon ein erster, noch ganz roher
Vergleich zeigt, dass die Interessenrichtungen beider Untersuchungen sehr
verschieden sind. Die empirische Untersuchung aus der 3.Person-Perspektive
will in erster Linie wissen, Was der Fall ist, und zwar in der
Dimension physiologischer Abhängigkeiten, z.B. welche Neuronengruppen wesentliche
Informationen an welche andere Neuronen geben. Die phänomenologische und
transzendentale Fragestellung interessiert sich dagegen für das introspektiv
gegebene Leistungsgefüge der Tätigkeiten des Bewusstseins, d.h. sie untersucht
eher das Wie des Zustandekommens solcher Leistungen aus der
erlebten Innenperspektive. Schon dieser begrenzte Vergleich zeigt, dass
der Unterschied in der Fragestellung eine einfache Kooperation im Sinne
eines Austauschs von Ergebnissen ausschliesst. Aber es gibt andere Formen
fruchtbarer Zusammenarbeit.
Francisco Varela denkt sich den Zusammenhang von Cognitive Science
und Phänomenologie durch gegenseitige Abhängigkeitsbeziehungen (constraints) und gegenseitige Anweisungen zu eingehenderer Erforschung
bestimmter Einzelheiten vermittelt. (5) Auch Varela geht nicht von einer einfachen Gleichsetzung oder einer 1:1
Beziehung (isomorphism) der entsprechenden Gegenstandsbereiche aus.
Weiterhin ist auch ein Austausch möglich, der vor allem in der phänomenologischen
Interpretation der Ergebnisse der Cognitive Neuroscience besteht. Diese
Art der Interpretation scheint mir besonders wichtig, weil die Phänomenologie
sowohl die Inhalte als auch das Subjekt der Intentionalität ernst nimmt
und eine wissenschaftliche, auf Anschauung gegründeten Analyse aus der Innenperspektive
des erlebenden Bewusstseins anstrebt. Oft werden die experimentellen Ergebnisse
der Cognitive Neurocsience lediglich mit alltagspsychologischen Mitteln
interpretiert. Auch die analytische Philosophie des Geistes kann, und zwar
wegen ihrer überwiegend behaviouristisch motivierten Ignoranz hinsichtlich
des erkennenden und leistenden Subjekts (die sich z.B. in dem Jargon der
mental states ausdrückt) bislang keine geeignete Interpretationsgrundlage
für die differenzierten Ergebnisse bieten.
Die schwächste Form einer möglichen Zusammenarbeit ist die gegenseitige
Anregung zu neuen Forschungen. Aber auch diese Art der Kooperation kann
sehr fruchtbar sein.
Es gibt aber durchaus Ansätze, die bezüglich der Möglichkeiten der
Zusammenarbeit weit optimistischer sind. Shaun Gallagher stellt in seinen
Aufsatz Phenomenology and Experimental Design. Toward a Phenomenologically Enlightened Experimental
Science (6) die Frage, wie die Phänomenologie zur experimentellen Cognitive Neuroscience
beitragen kann. Seinen eigenen Vorschlag nennt er front-loadedphenomenology
und charakterisiert sie dadurch, dass diese direkten Gebrauch von der Phänomenologie macht, und zwar in dem Sinne,
dass die Ergebnisse der phänomenologischen Untersuchungen in die Planung
der empirischen Untersuchungen (experimental design) einbezogen werden.
Auf indirekte Weise fungiert die Phänomenologie dabei auch als Teil des
theoretischen Rahmens, innerhalb dessen die experimentellen Daten dann interpretiert
werden.
4. Warum wird gerade heute die Naturalisierung
der Phänomenologie diskutiert?
Warum erscheint uns aber gerade
heute das Projekt einer Kooperation zwischen Neurowissenschaften und
Phänomenologie sinnvoll? Dies hängt meiner Meinung nach mit der Entwicklung
der Cognitive Neuroscience zusammen: Diese empirischen und experimentellen
Wissenschaften rücken immer näher an das Phänomen und die Inhalte des Bewußtseins
heran. Hierdurch wird auch für die eidetische Erforschung aus der phänomenologischen
Innenperspektive eine Zusammenarbeit mit der Forschung aus der 3.Person-Perspektive
immer attraktiver.
Wie nahe sind aber die Neurowissenschaften
den konkreten Inhalten des Bewusstseins schon gekommen? Wie weit sind die heute gebräuchlichen Verfahren schon dazu geeignet,
die Beziehungen z.B. eines Musters neuronaler Aktivität und den entsprechenden
Bewusstseinsinhalten zu bestimmen?
Durch die Verbesserung der bildgebenden Beobachtungsverfahren der
neuronalen Aktivität des Gehirns, wie z.B. PET (Positronen-Emissions-Tomographie)
fMR (functional magnetic resonance), hat die detaillierte Erforschung der
Funktion einzelner Hirnregionen in den letzten Jahrzehnten einen grossen
Schritt nach vorne getan. So kann man heute im Gehirn kognitive, emotionale
und motorische Aktivitäten mit verschiedenen Verfahren beobachten, die die
Unterschiede in der Stoffwechselaktivität und damit auch der neuronalen
Aktivität bildlich darstellen können. Aber bisher reichen auch diese eindrucksvollen
bildlichen Darstellungen für eine zuverlässige Identifikation der genauen
Art der mentalen Aktivität, d.h. des bewußten Inhalts, aufgrund von neuronalen
Aktivitäten nicht aus. Das bedeutet: Man kann auf Grund der Beobachtung
der neuronalen Aktivität mit bildgebenden Verfahren heute noch nicht sagen,
was der Inhalt des Bewußtseins ist, d.h. auf den Menschen zugeschnitten,
was jemand wahrnimmt, will oder denkt. So dokumentieren PET-Darstellungen
lediglich die Aktivität des Stoffwechsels in bestimmten Arealen des Gehirns.
Wenn man dann die allgemeine Funktion dieses Gehirnareals kennt (z.B. aufgrund
von Ausfall-Forschungen), dann kann man auch über die Art der jeweiligen
Funktion etwas aussagen - aber eben nur sehr allgemein.
Zum Beispiel ist der Motor Cortex für die Steuerung von Bewegungen
zuständig, das limbische System ist ganz generell an Gefühlen beteiligt,
es gibt verschiedene Bereiche des Gehirns, die vor allem den Prozess der
Wahrnehmung leisten usw. Gibt es z.B. eine erhöhte Aktivität in einem Teil
des limbischen Systems, dann wissen wir, daß das Subjekt wahrscheinlich
ein Gefühl empfindet. Wir können aber anhand der erkennbaren Muster der
Stoffwechselaktivität nicht genau unterscheiden, ob es sich um Angst oder
eine Überraschung handelt, und ob es die Furcht vor einem Tiger im Gebüsch
ist oder die Angst, den Versuchsleiter zu enttäuschen. (7) Eine solche genaue Zuordnung von Aktivitätsmuster und Inhalt der Furcht
ist bisher nicht zufriedenstellend gelungen. Natürlich kann man versuchen,
die Ergebnisse noch präziser einzugrenzen, wenn man die jeweilige Versuchsanordnung
experimentell auf eine bestimmte Angst (z.B. indem man einen Film über Tiger
zeigt) zugeschnitten hat. Letztlich wissen wir aber nicht genau, worauf
sich die Angst richtet, weil der erhöhte Stoffwechsel, - selbst wenn er
ein relativ bekanntes räumliches Muster produziert - keinen Schluß auf den
genauen Inhalt des Gefühls erlaubt. Eventuell ermöglichen künftige Verbesserungen
dieser Methode oder die Entwicklung neuer Methoden aber eine genauere Identifikation.
(8)
Man könnte nun sagen, dass dies zwar eine interessante Forschungsrichtung
sei, die viel Interessantes zum Vorschein bringen kann usw. Aber es gibt
gute Gründe dafür, hinsichtlich einer Identifikation radikal skeptisch zu
sein. Man könnte behaupten: Der genaue Inhalt des menschlichen Bewußtseins
läßt sich nie mit einem bildgebenden Verfahren abbilden. Er ist zu komplex,
es gibt ausserdem die prinzipielle Schwierigkeit der Identifikation eines
neuronalen Zustandes mit einem Bewusstseinsinhalt usw. Man kann auch der
Ansicht sein, dass ein Beweis für die Identität
eines Bewußtseinsinhalts mit einem neurologischen Zustand (oder einer Aktivität
des Gehirns) prinzipiell nicht möglich ist. Dies sei dann schon eine unzulässige
Reduktion usw. --- Aber all dieser hochherzige und manchmal auch etwas hochnäsig
erscheinende Protest der Geisteswissenschaftler, die auf der prinzipiellen
Unbeweisbarkeit der Identität realer Verhältnisse mit bewussten Inhalten
stützt, muss sich Gegen-Einwänden stellen, die sehr gute common sense Argumente auf ihrer Seite
haben. Es gibt nämlich viele Verhältnisse zwischen Gegenständen in der Welt,
deren Identität ebenso unbeweisbar ist, an die wir aber sehr fest glauben.
Ich denke hierbei an das Verhältnis von Bild und Ding. Natürlich
ist es nicht möglich, ein Bild einfach mit einer Sache zu identifizieren,
zumal wenn die Bildherstellung theoretisch hochvermittelt oder sogar computergestützt
ist. Dennoch zeigt unser Verhalten im Alltag, dass wir uns faktisch auf
eine solche Identität vollkommen verlassen, und zwar so vollständig, dass
wir sogar unser Leben auf der Grundlage dieser Gleichsetzung riskieren werden.
- Nehmen sie an, ein Mediziner diagnostiziert bei Ihnen mit Hilfe eines
Röntgenbildes oder einer Computertomographie eine gefährliche Erkrankung,
welche einen grossen operativen Eingriff notwendig macht. Natürlich werden
Sie der Diagnose vertrauen und den Eingriff vornehmen lassen, auch dann,
wenn die Operation selbst sehr gefährlich ist.
Dies tun wir, obwohl die Identität dessen, was das Röntgenbild oder
die Tomographie zeigt, mit meinem Leib nicht bewiesen werden kann. Es gibt
nur einen statistisch verlässlichen Zusammenhang zwischen
dem räumlichen und zeitlichen Zusammentreffen: Immer - oder zumindest fast
immer - wenn das Tomogramm ein gefährliche Veränderung aufweist, stellt
sich bei dem anschliessenden Eingriff heraus, dass diese tatsächlich vorhanden
war. Dieser statistische Zusammenhang weist bei aller Zuverlässigkeit dennoch
eine gewisse Unsicherheit auf, weil gelegentlich Interferenzen und Artefakte
bei der Herstellung des Bildes vorkommen, auch hier sind Verwechslungen
und Fehldiagnosen möglich. Dennoch ist unsere Überzeugung von der Zuverlässigkeit
so stark, dass wir unser Leben dafür riskieren würden.
Eine überzeugende statistische Verlässlichkeit - wie in dem Beispiel
des Röntgenbildes - würde uns also im Prinzip auch von der Identität eines
Bewusstseinsinhaltes mit einem bestimmten differenzierten Muster neuronaler
Aktivität überzeugen können. Es muss nur statistisch zuverlässig gelingen,
das Vorliegen des einen aus der Anwesenheit des anderen erschliessen zu
können.
Genau dies kann man heute schon leisten, wenn auch in einem sehr
beschränkten Gebiet. Hierzu muss ich kurz auf die Forschung an sogenannten
Spiegelneuronen (mirror neurons) eingehen und zwar insbesondere auf das
dabei verwendete Verfahren. Es gibt nämlich schon heute weit präzisere Instrumente
zur Erforschung der Gehirnaktivität als die bildgebenden Verfahren (PET,
fMR). Besonders eindrucksvoll ist die Methode des single
neuron recording. Hierbei wird die Aktivität von einzelnen Neuronen
in einer kleinen Region des Gehirns eines Versuchstiers (z.B. Makakken)
beobachtet. Die Methode des single
neuron recording ist jedoch sehr invasiv, d.h. es werden
dabei Mikroelektroden ins Gehirn eingepflanzt. Aus diesem Grund ist das
Verfahren wohl auch noch nicht auf Menschen angewandt worden. Mittlerweile
kann man mit dieser Methode die elektrischen Potentiale mehrerer hundert
Neuronen gleichzeitig präzise aufzeichnen, ihre Aktivität dokumentieren
und danach statistisch auswerten.
Ich beziehe mich nun auf einige Untersuchungen von G. Rizzolatti
und V. Gallese, die diese 1995 an der Universität Parma unternommen haben
und die sie auf die Spur der sogenannten Spiegelneuronen im Motor Cortex
geführt haben. Der Motor Cortex ist für die Steuerung unserer Bewegungen
zuständig. Die von ihnen verwendete Beobachtungsmethode war das single
neuron recording. Diese Methode ist so genau, daß man z.B. bei einer
Beobachtung eines sehr kleinen spezialisierten Areals des Motor Cortex jedem
einzelnen Typ von Handbewegung (precision
grip) jeweils ein einzigartiges Muster der neuronalen Aktivität zuordnen
kann. Dieses Muster kann bei der gleichen Bewegung immer wieder als dasselbe
identifiziert werden. Das heißt: Wenn eine Versuchsperson einen kleinen
Gegenstand mit der rechten Hand ergreift und dann im Gelenk nach rechts
dreht, um den Gegenstand von der anderen Seite zu sehen, entsteht ein charakteristisches
Muster der neuronalen Aktivität, das in allen weiteren Fällen statistische
zuverlässig identifiziert werden kann. Es unterscheidet sich z.B. deutlich
von dem entsprechenden Aktivitätsmuster der gleichen Drehung der Hand nach
links (und auch von allen anderen Bewegungen). Hiermit konnte also wenigstens
in einem sehr kleinen Bereich die statistisch zuverlässige Identifikation
eines neuronalen Aktivitätsmusters mit einem Inhalt des Bewusstseins geleistet
werden.
Allerdings könnte man hier einwenden, das eine so unbedeutende leibliche
Bewegung eigentlich nicht als ein vollwertiger Inhalt des Bewusstseins gelten
kann. Manche unserer Bewegungen sind ganz unwillkürlich, viele sind so unbedeutend,
dass ihre Regelung sozusagen untergeordneten leiblichen Instanzen
überlassen werden kann, die gar nicht bewusst werden. So denken wir selten
über die Bewegungen unserer Zehen nach, wir können es aber. Zudem ist es
schwer, die Art der Repräsentation dieser Bewegung in unserem Bewusstsein
zu beschreiben. Sicher ist, dass es sich dabei sich nicht um die hochstufigen
Gegenstände des Denkens handelt, wie z.B. eine Einsicht in einen Sachverhalt
(Die Ampel ist grün). Es ist sehr zweifelhaft, ob die kleine leibliche Handlung
überhaupt durch Begriffe im Bewusstsein vorgestellt wird. Wir können sie
aber durchaus bewusst denken, und auch imaginativ vorstellen,
und dies zeigt, dass wir auch die notwendigen nicht-begrifflichen Mittel
haben, solche unbedeutenden Handlungen bewusst vorzustellen. Wir können
sie sogar als dieselben leiblichen Bewegungen bei Anderen vorstellen, z.B.
wenn wir sehen, dass sie ihre Hand auf die beschriebene Weise bewegen. Auch
dies zeigten die Untersuchungen von Rizzolatti und Gallese.
Ich will hier jedoch nicht zu sehr auf die Forschung an Spiegelneuronen
eingehen, das ist hier nicht mein Thema. (9) Dennoch möchte ich erwähnen, dass die Untersuchung von Rizzolatti und Gallese
eine überraschende Einsicht in die Art geben, wie wir uns die Bewegungen
anderer vorstellen, d.h. wie wir sie bewußt haben. Denn es zeigte sich,
dass die Neuronen des Motor Cortex nicht nur bei eigenen leiblichen Bewegungen
ein charakteristisches Aktivitätsmuster hervorbrachten, sondern dass dieses
Muster auch zu beobachten war, wenn die Versuchstiere lediglich die Bewegungen
anderer Affen oder auch die des menschlichen Versuchsleiters beobachteten.
Dabei war zwar immer nur ein Teil der Neuronen aktiv, doch das Muster der
Aktivität blieb identifizierbar dasselbe. Diesen Teil der Neuronenpopulation
nannte man deshalb Spiegelneuronen, weil sie in der Lage waren, irgendwie
die nur gesehene Bewegung des anderen Subjekts zu simulierten, und zwar
so, als ob es seine eigenen wären. Dies scheint ein wichtiger Aspekt der
Art zu sein, in der leibliche Bewegungen von Affen - und vielleicht auch
von uns - vorgestellt werden.
Wir müssen also folgern, dass in diesem Fall die Identifikation
des bewussten Inhalts mit einem messbaren neurologischen Phänomen schon
statistisch zuverlässig geleistet ist. Natürlich handelt es sich um einen
relativ einfachen Bewusstseinsinhalt mit geringer Komplexität. Vergleichbare
Untersuchungen an Menschen wurden mit einer anderen Methode versucht, die
mit berührungslosen, computergestützen Verfahren lediglich das Niveau der
Erregbarkeit (level of arousal) einer Hirnregion untersuchen. (10) Aber dennoch sieht man hier die Richtung der experimentellen Untersuchungen
schon klar vorgezeichnet. Das Interesse an der Identifikation von Bewußtseinsinhalten
ist geweckt und die Methoden müssen diesem Interesse noch angepasst und
weiter verbessert werden. (11)
Die statistisch zuverlässige Identifikation von neuronaler Aktivität
und bewussten Inhalten ist also bereits in ganz kleinem Umfang gelungen.
Der wesentliche Anstoss dafür, warum uns heute eine eingehende Zusammenarbeit
von Cognitive Neuroscience und weiteren Richtungen der empirischen Psychologie
auf der einen und der Phänomenologie auf der anderen Seite als sinnvoll
und notwendig erscheint, ist der heutige Stand und der weiter zu erwartende
Fortschritt der neurologischen Verfahren, die letztlich den Inhalt des Bewusstseins
bestimmen wollen.
Das Motiv der Phänomenologie zu dieser Zusammenarbeit kann aber nicht
einfach sein, dass sie diese Bestrebungen unterstützen will, sondern nur,
dass sie in ihrem genuin eigenen Forschungsgebiet mit ihren eigenen Methoden
Fortschritte erzielen will. Und hierzu hilft die angestrebte Kooperation
sicher.
Dan Zahavi hat in einem kürzlich erschienenen Beitrag den Nutzen
hervorgehoben, den die Phänomenologie aus einer solchen Zusammenarbeit ziehen
kann. Sein Ansatzpunkt ist, dass phänomenologische Analysen von empirischen
Ergebnissen der Neurologie und der empirischen Psychologie herausgefordert
werden. Diese Herausforderung verlangt dann jeweils neue, eingehendere phänomenologische
Analysen des betreffenden Phänomenbereichs. So zeigt die Säuglingsforschung
wichtige Aspekte des Zugangs zu der Subjektivität anderer Menschen auf.
Nicht erst seit den Aufsehen erregenden Untersuchungen von Meltzoff und
Moore über die Imitation von Mimik bei Säuglingen weiss man, dass die phänomenologische
Theorie der Intersubjektivität in Konkurrenz mit aktuellen psychologischen
Untersuchungen zur vorsprachlichen, sogenannten Protokommunikation
steht. - Die phänomenologische Analyse der Erinnerung ist immer noch stark
an der Rekonstruktion von zusammenhängenden Episoden orientiert. In der
experimentellen Psychologie differenziert man heute dagegen zwischen vielen
Formen des Gedächtnisses, z.B. das episodische Gedächtnis, an zeitlich vergangene
Ereignisse, das Arbeitsgedächtnis (eine Telefonnummer kurz behalten), das
prozedurale Gedächtnis (Fahrradfahren) und das semantische Gedächtnis. So
ist auch die Phänomenologie zu einer neuen, detaillierteren Analyse der
Gedächtnisleistungen aufgefordert. Zudem: Nicht alle Formen des Gedächtnisses
enthalten eine Zurückwendung in der Zeit. Ausserdem wurde in vielen Untersuchungen
die Überzeugung widerlegt, dass Erinnerungen, selbst wenn sie subjektiv
evident sind, auch immer passive und wahrheitsgetreue Aufzeichnungen der
Vergangenheit sind. (12)
Bedenken gegen diese Art der Zusammenarbeit gibt es natürlich viele,
einige habe ich bereits genannt. Es fängt bereits mit dem Problem an, ob
die empirisch-experimentelle und die deskriptiv-phänomenologische Methode
in einem unaufhebbaren Spannungsverhältnis stehen. Wir haben bereits gesehen,
dass die transzendentale Ausrichtung der Phänomenologie im Sinne einer grundlegenden
Ersten Philosophie hierfür aber kein entscheidendes Hinderniss darstellt.
Husserls Bedenken - die er z.B. in Philosophie als strenge
Wissenschaft vehement äussert - gegen die experimentell-empirische
Psychologie richten sich gegen die Naturalisierung des Bewusstseins selbst,
welche viele Vertreter dieser experimentellen Psychologie auch vertraten.
Dieser Reduktionismus, der in der ontologischen Gleichsetzung eines intentionalen
Bewussseinserlebnisses mit einem elektrischen Schaltzustand in den Neuronen
liegt, reduziert den Sinn der Inhalte des Bewusstseins auf physikalische
Zustände und ist für Husserl daher nicht akzeptabel. Und dieser Reduktionismus
ist auch heute nicht akzeptabel, weil hierdurch eine ganze eigenständige
Dimension der Erfahrung zu einem blossen Epiphänomen herabgesetzt wird.
Aber eine solche Reduktion wird von den kooperationsbereiten Vertretern
der Cognitive Science auch nicht mehr verfolgt. So betont Vittorio Gallese
in einem Beitrag, der den Beitrag der Spiegelneuronenforschung auf dem Hintergrund
bisheriger Theorien der Intersubjektivität (von Husserl und Merleau-Ponty)
würdigt, vor allem den Wert der phänomenologischen Untersuchung von vorprädikativen
und präreflektiven Leistungen. (13)
Am Ende dürfen wir also für die zukünftige Phänomenologie hinsichtlich
aller drei methodischen Richtungen optimistisch sein: Sie wird eidetisch,
transzendental und auch naturalisiert sein.
Anmerkungen:
(1) Vgl.
meine Darstellung: Die Idee der Reduktion. Husserls Reduktionen und
ihr gemeinsamer methodischer Sinn. In: Die erscheinende Welt. Festschrift für
K. Held, Hrsg. H. Hüni / P. Trawny, Berlin 2002, 751-771.
(2) Vgl.
D. Lohmar: Die phänomenologische Methode der Wesensschau und ihre
Präzisierung als eidetische Variation. In: Phänomenologische Forschungen NF 2005,
65-91 und ders: Husserls Concept of Categorical Intuition.
In: Hundred Years of Phenomenology. Ed. D.
Zahavi F. Stjernfelt, Dordrecht 2002, 125-145.
(3) Vgl.
George Lakoff / Mark Johnson: Philosophy in the flesh. The embodied mind
and its challenge to western thought. Basic Books, New York 1999 und
George Lakoff / Rafael Nunez: Where
Mathematics comes from. How the embodied mind brings mathematics into being.
Basic Books New York 2000.
(4) Vgl.
Shaun Gallagher: Mutual Enlightment: Recent Phenomenology in Cognitive
Science. In: Journal of Consciousness Studies 4 (1997), 195-214.
(5) Vgl. F. J. Varela: The Specious Present. A Neurophenomenology
of Time Consciousness. In: J. Petitot / F. Varela / B. Pachoud / J.-M.
Roy (eds.): Naturalizing Phenomenology.
Issues in Contemporary Phenomenology and Cognitive Science. Stanford
1999, 266-314. Vgl. auch F. J. Varela / E. Thompson
/ E. Rosch: The Embodied Mind. Cognitive
Science and Human Experience. Cambridge, London 1991.
(6) Vgl.
S. Gallagher: Phenomenology and Experimental Design. Toward
a Phenomenologically Enlightened Experimental Science. In: Journal of Consciousness Studies 10 (2003),
No.9-10.
(7) Vgl. hierzu etwa die Diskussion dieses Aspekts
bei S. Z. Rapcsak, S. R. Galper, F. F. Comer, S. L. Reminger, L. Nielsen,
A. W. Kaszniak, M. Verfaellie, J. F. Laguna, D. M. Labiner, R. A. Cohen:
Fear recognition deficits after focal brain damage. In: Neurology 54 (2000), 575-581, und R. Adolphs: Neural systems
for recognizing emotion. In: Current
Opinion in Neurobiology 12 (2002), 169-177. Das Problem der Unterscheidung
scheint bei den Emotionen besonders gravierend zu sein, denn diese sind
inhaltlich oft an höherstufige Vorstellungen gebunden, so daß Top-Down-Effekte
mitspielen können. Eine Studie zum Ekelgefühl im Vergleich der neuronalen
Reaktion bei eigener Empfindung und beim Sehen einer filmischen Darstellung
bieten B. Wicker, Ch. Keysers, J. Plailly, J. P. Royet, V. Gallese und G.
Rizzolatti: Both of Us Disgusted in My Insula: The Common Neural Basis
of Seeing and Feeling Disgust. In: Neuron 40 (2003), 655-664.
(8) Mit
dem Hinweis auf künftige Forschungen provoziert man natürlich
den möglichen polemischen Einwand, es handele sich lediglich um eine versprechende
Wissenschaft aus bloßen Plänen, die niemals das einlösen wird, was
sie verspricht.
(9) Vgl.
meine Darstellung: Mirror Neurons and the Phenomenology of Intersubjectivity.
In: Phenomenology and Cognitive Science Vol. 5, 2006, 5-16.
(10)
Vgl. Fadiga, L., Fogassi, L., Pavesi, G., Rizzolatti, G.: Motor fasciliation
during action observation: A magnetic stimulation study. In: Journal
of Neurophysiology 73 (1995), 2608-11.
(11)
Man fragt sich natürlich, wie diese Entwicklung weiter gehen wird. Es könnte
daher möglicherweise der Tag kommen, an dem es eine Art Geistlese-Maschine
(mind-reading machine) gibt, die mit grosser statistischer Wahrscheinlichkeit
darüber Auskunft geben kann, was eine Person jetzt gerade denkt, will und
fühlt. Dies ist keineswegs Science Fiction, sondern nur eine einfache, sinnvolle
Verlängerung von klaren Forschungsinteressen, die schon länger verfolgt
werden. Bereits die Erfindung des Lügendetektors zielte auf die Erforschung
des Inhalts unserer Gedanken ab. Natürlich stellen sich hier auch eine Reihe
von ethischen und juristischen Fragen: Vielleicht wird es sogar einmal notwendig
werden, ein Gesetz zum Schutz der persönlichen Gedankeninhalte zu erlassen
(wie bei dem Briefgeheimnis).
(12)
Vgl. Dan Zahavi: Phänomenologie und Kognitionswissenschaft: Möglichkeiten
und Risiken. In: D. Lohmar / D. Fonfara (Hrsg.): Interdisziplinäre
Perspektiven der Phänomenologie. Dordrecht 2006, 296-315.
(13)
Vgl. V. Gallese: The Shared Manifold Hypothesis. From
Mirror Neurons to Empathy. In: Journal of Consciousness Studies 8 (2001), No. 5-7, 33-50.